Genesis der Klais-Orgel von St. Aegidien


1. Die Vorgängerorgel von 1820

Das Vorgängerinstrument unserer heutigen Orgel stammte aus dem Jahr 1820. Aus einem in der Orgelakte enthaltenen handschriftli-chen Vermerk vom 25.Juli 1888 wissen wir vom Fund eines Zettels im Blasebalg, den Franz Heinrich Fölmer, Organist an der "alt- und neustädter Kirche" verfasst hat: "Im Sommer des Jahres 1820 ist dieses neue Orgelwerk auf Kosten der Stadt durch den Orgelbauer Herrn Johann Wilhelm Schmerbach aus Friede bei Wannfried verfertigt und aufgestellt worden..."  Die Orgel unterlag aber scheinbar zahlreichen Reparaturen und sicherlich haben das Alter und der desolate Zustand den Gedanken beflügelt, ein neues Instrument anzuschaffen.

2. Die Klais-Orgel von 1908

Der Schriftverkehr zur heutigen Klais-Orgel beginnt in den Akten am 25.01.1907 mit der Abforderung eines Kostenanschlags an die Firmen Klais, Bonn, und Krell, Duderstadt, für eine Orgel mit 20 - 25 klingenden Registern, gezeichnet durch den Geistlichen Rat Osburg.

Bereits am 30. Januar reicht Johannes Klais (1852-1925) einen Kostenanschlag über 10.960 Mark ein und sichert die Aufnahme aller Neuerungen zu. Mit Schreiben vom 12.12.1907 legte Klais einen Nachtrag für ein Schwellwerk und ein Gehäuse vor und ver-anschlagte insgesamt 11.537 Mark.

Die Orgel wurde errichtet mit Hauptwerk, Schwellwerk, Pedal, 25 Registern und einem neugotischen Orgelprospekt, dass auch bei der jetzt durchgeführten Rekonstruktion erhalten wurde.

Am 31.08.1908 wurde die Orgel abgenommen. Klais wurden solide und gewissenhafte Ausführung bestätigt. Die Orgel wurde bei Klais registriert unter opus 389.

Jedoch wurde schon bald u.a. auch bemängelt, dass die Orgel für die Begleitung des Gottesdienstes zu schwach intoniert sei, d.h. den Raum nicht ausfülle und für die Begleitung der Gemeinde nicht ausreiche. Als Ursache gab Klais die Akustik der Kirche und die nachteilige Bühnenkonstruktion (Empore) an.

3. Die Erweiterung von Feith 1940/41

Daher wurde Hans Klais (1890 - 1965), der Sohn des vormaligen Orgelbauers, bereits im August 1935 von Pfarrer Zeuch in der Sache angeschrieben. Aber erst am 22./23.01.1939 kommt es zu dem angekündigten Besuch. Im entsprechenden Protokoll wird u.a. festgehalten, dass die Orgel zu klein und in Ihrem Aufbau zu unschön sei und ein drittes Werk gesondert aufgestellt werden müsse, und zwar in den Arkaden des nördlichen Seitenschiffes oder durch Anlage eines Rückpositivs. Daneben gibt es weitere Hinweise zum Gesamtkonzept.

In einem umfangreichen schriftlichen Disput weist Klais darauf hin, das sich die musikalische und künstlerische Auffassung zur Orgel geändert hat und die neue (im Ergebnis der sog. Orgelbewegung) den wiederholten päpstlichen Erlässen zur Kirchenmusik folgt. Es wird deutlich, dass man sich nicht einigen konnte und so folgt schließlich am 06. Mai 1939 ein Schreiben von Klais, in dem er mitteilt, dass er die vorgeschlagenen Wege nicht mitgehen will und den Neubau der ganzen Orgel und den Verkauf der alten vorschlägt. Insbesondere möchte er auch weiterhin auch kein Rückpositiv einbauen.

Deshalb wurde ein Angebot der Orgelbauanstalt Anton Feith aus Paderborn eingeholt, der mit Schreiben vom 27.06.1939 verschiedene Änderungen (Elektrifizierung, Neuintonation, neuer Spieltisch) und mit der Erweiterung auf drei Manuale und 40 Register auch die Ausführung eines Rückpositivs zum Preis von insgesamt 15.742 RM vorschlägt. Insbesondere die Neuintonation soll hier nicht dargestellt werden, da mit der jetzigen Rekonstruktion eine Rückführung auf die romantische, Klais´sche Stimmung von 1908 erfolgte (s.u.).

Die beginnende zweite Weltkrieg führt dazu, dass sich die Ausfüh-rung ständig verzögerte. Zeuch bittet am 07.08.1940 um Beschleunigung der Arbeiten, will die Orgelweihe für Oktober vorsehen und macht darauf aufmerksam, dass der Kirchenchor die Übungen schon aufgenommen habe. Die Weihe wird aber wohl erst Anfang des Jahres 1941 stattgefunden haben.

4. Die Veränderungen der Orgel in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts

Die Veränderungen Feiths werden im Abnahmeprotokoll zur Prüfung vom 01/02.12.1940 vom Fuldaer Domorganisten Fritz Krieger sehr empfohlen.  Die Orgel war aber wahrscheinlich nach wie vor zu schwach. Krieger schreibt, dass "wegen der barocken Klangfarbe natürlich nur ein Plenum [Gesamtwerk, d. Verf.] entstehen konnte, das in gewissem Sinne verhalten wirkt, aber andererseits von einer solchen Helle und Schönheit ist, dass man den Wunsch, ein mächtigeres Klanggebilde zu erstreben, einfach ablehnen muss". Offensichtlich muss dieser Wunsch nach größerer Klangfülle aber doch bestanden haben.

Weiter ist aber - auch nach Aussagen von Zeitzeugen - anzuneh-men, dass die Anbringung des dritten Manuals als Rückpositiv an der Brüstung nicht die allgemeine Zustimmung der Gemeinde und des Kirchenvorstands fand. Deshalb wurde 1962 das Rückpositiv kurzerhand hinter dem unteren Gehäuse der Orgel aufgebaut und die Brüstung der Orgelempore wieder frei gemacht, was allerdings mindestens aus klanglicher Sicht sehr bald doch als Fehler erkannt wurde.

5. Die Klais-Orgel in der Zeit bis zum Beginn der Rekonstrukti-on von 2002 -2004

Seit der letzten Veränderung 1962 hatte sich der Zustand trotz aller Erhaltungsmaßnahmen jedoch so sehr zum Schlechten gewandelt, dass ein Großteil der Register nicht mehr spielbar waren. Heuler und Ausfälle waren an der Tagesordnung. Einzelne Töne konnten nicht mehr gespielt werden, was z.B. oft die Transponierung von Kirchenliedern durch den Organisten erforderte, um die Gemeinde weiter begleiten zu können. Dazu kam die wesentlich durch die Kohleheizung der Kirche verursachte Verschmutzung des gesamten Werkes, die Überalterung der gesamten Elektrik und die für die Stabilität der Orgel äußerst ungünstige Statik der Empore.

Pflege und Reinigung des Werkes waren vor allem auch durch die ungünstige und gedrängte Anordnung sehr problematisch zu bewerkstelligen. So stellte sich über die Zeit ein bedauernswerter Zustand ein.  

In Gutachten der Erfurter Domorganisten (Kümpel und v. Kessel, gleichzeituig Orgelsachverständige des Bistums) wurde  deutlich gemacht, dass es sich um eine denkmalwerte und mindestens in Thüringen einmalige Orgel handelt - u.a. deshalb, weil die romantische Stimmung aus der Zeit vor der Orgelbewegung in diesem In-strument in Thüringen einmalig erhalten geblieben war.

Schon früh existierten daher genaue Überlegungen zur Ausführung der Rekonstruktion, die von einem Erhalt der historischen Bestandes des Pfeifenwerks und der romantischen Stimmung im Klais´schen Sinne ausgingen, aber auch endlich zu einer gottesdienstgerechten, d.h. in der Klangabstrahlung deutlich verbesserten Werkanordnung und Gesamtintonation führen sollten. Dazu war die Erneuerung der Empore jedoch unabdingbare Voraussetzung.

Eine sehr wichtige Entscheidung fiel im Jahr 2000. Die inzwischen ebenfalls dringend notwendige Renovierung der Kirche sollte zeitlich parallel mit der Rekonstruktion der Orgel durchgeführt werden. Damit wurde verhindert, dass in der renovierten Kirche der Abbau der verschmutzten Orgel den neuen Farbanstrich schädigen würde oder bei umgekehrter Reihenfolge die rekonstruierte Orgel sofort wieder verschmutzt würde.

Ende 2001 wurde die Heiligenstädter Firma Orgelbau Karl Brode unter mehreren Bietern (u.a. auch Klais) ausgewählt und mit den Arbeiten beauftragt.

Anfang Mai 2002 begann mit der Kirchenrenovierung endlich auch der Abtrag und die Auslagerung nahezu der gesamten Orgel und die Stabilisierung der Empore, die einem Neubau gleichkam. Die Überarbeitung des Orgelwerkes wurde in der Brode´schen Werk-statt vorgenommen. Nach Abschluss der Kirchenrenovierung erfolgte schrittweise der Wiederaufbau der Orgel, die mit der Einweihung am 27.03.04 ihren Abschluss fand. Die Kosten belaufen sich insgesamt auf 300 T€, dazu kommen umfangreiche Nebenkosten und Eigenleistungen.

Die heutige Orgel besitzt 43 Register in drei Werken, 9 Koppeln,  2654 Pfeifen auf elektropneumatischen Kegelladen und wurde mit einem neuen Spieltisch ausgestattet.

6. Resümee

Was lange währt, wird endlich gut. Fast hundert Jahre hat es gedauert, bis verschiedene Fehler und Unzulänglichkeiten, die aus den Anfängen und der gesamten Zeit herrühren, mit der jetzigen Rekonstruktion beseitigt werden konnten. Im Wesentlichen sind zu nennen:

1.    Stabilisierung bzw. Neubau der Empore als wesentliche Vor-aussetzung für die Stabilität der Stimmung und die Neuordnung des Werkes
2.    Anhebung von Haupt- und Schwellwerk, sodass sich der von Anfang an zu schwache Klang jetzt wesentlich besser in den Kirchenraum entfalten kann, klarer wird und die einzelnen Stimmen besser zur Geltung kommen.
3.    Ersatz des durch Feith hinzugefügten und später im Hauptwerk untergebrachte Rückpositivs durch ein Brustwerk, dass durch seine Anordnung die Klangfülle weiter gehend unterstützt
4.    Klangliche Rückführung des Gesamtwerkes auf die romantische und unter denkmalpflegerischen Gesichtspunkten erhaltenswerte Stimmung der Orgel von 1908, aus der Zeit vor der Orgelbewegung, und damit Sicherung eines in Thüringen einmaligen Musikinstruments.

Bei aller Freude über die gelungene Rekonstruktion darf aber nicht vergessen werden, dass die Orgel als Kirchenmusikinstrument neben der Erbauung der Kirchenbesucher vor allem eine Aufgabe hat: Sie dient wie alle Kirchenmusik - ad maiorem Dei gloria - der größeren Ehre Gottes!

In diesem Sinne gilt der Dank allen, die zum Gelingen des Werks beigetragen haben, vor allem aber Gott selbst, der die Arbeit begleitet hat.

Deo gratias!

Prof. Dieter Beckmann